Verlangen der Seele nach dem Ewigen und der beglückenden Seinsschau

Eros ist das „…Verlangen der Seele nach dem Ewigen und der beglückenden Seinsschau.“ (Platon)

„Aber im Eros fand er die Brücke. Eros erfüllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, und so ist das Weltall durch ihn zusammengehalten. Das eigentliche Geheimnis der „Wesensschau“ ist mit den Mitteln des Logos nicht darstellbar. Daher auch Platons Scheu vor einer Ideenlehre.“

Das Attribut der Normalität ist nicht unbedingt geeignet, die faktische Wahrheit zu beschreiben. Normal ist das, was die Mehrheit für normal hält. In unserem Sprachgebrauch wird Normalität mit etwas Erstrebenswertem assoziiert, etwas, das man anstreben sollte, um nicht als abnorm zu gelten. Diese Vorgabe ist bestens geeignet, um unsere Intuition davon abzulenken, was tatsächlich normal im Sinne von kosmisch naturgemäß wäre. Bedauerlicherweise entfernt sich unser Sprachgebrauch immer mehr von den eigentlichen semantischen Inhalten. Unsere Worte sind immer weiter zu hohlen Hülsen verkümmert, deren ursprüngliche Bedeutung man kaum noch erahnen kann. Einige besonders mächtige Begriffe haben sogar eine völlige Bedeutungsumkehr erfahren und drücken das Gegenteil von dem aus, was sie eigentlich sagen sollten. Mächtige Worte wie Liebe, Sozial, Demokratisch usw. stehen inhaltlich gesehen auf dem Kopf.

Heute möchte ich ein weiteres Wort hinzufügen, welches mir als ebenso auf dem Kopf gestellt erscheint. Dieses mächtige Wort heißt Eros. Das griechische Wort „Eros“ begegnet uns in der deutschen Sprache von heute fast ausschließlich in sexuellen Zusammenhängen. Wenn jemand „Erotik“ hört, denkt er an Sex.

Bedauerlicherweise werden derartig verdrehte Ansichten durch versuchte Normierungsstandarts – wie sie beispielsweise bei Wikipedia zu erfahren sind – noch unterstützt. So erfahren wir hier:

„Eros (altgriechisch Ἔρως Érōs /ěrɔːs/) ist in der griechischen Mythologie der Gott der begehrlichen Liebe. Ihm entspricht in der römischen Mythologie Amor, der als Personifikation der erotischen Begierde auch Cupido („Begierde“, „Leidenschaft“) genannt wird.“ Der von den alten Griechen geprägte Begriff Eros hatte eine vollständig andere Bedeutung, als sie aus der römischen Mythologie dargestellt wurde. Eros ist eben kein Amor – zumindest nicht in Bezug seiner ihm zugesprochenen Attribute „Begierde“ und „Leidenschaft“. Ich halte es für ratsam, sich einmal die ursprüngliche Vorstellung von Eros anzuschauen. Hierzu habe ich die beiden Philosophen Sokrates und Platon gewählt, beide haben diesen Begriff meines Erachtens im ursprünglichsten Sinne wahrhaftig verstanden. Bevor wir zu diesen beiden Weltendeuter kommen, möchte ich noch kurz aus meinem Buch „Der verratene Himmel – Rückkehr nach Eden“ zitieren:

Wenn wir verliebt sind, erleben wir einen göttlichen Zustand, in dem wir Raum und Zeit vergessen. Natürlich ist das nicht dasselbe wie die bedingungslose Liebe zu Gott, doch es ist eine fraktale Widerspiegelung von dem, was wir in Beziehung zu Gott erleben können. Eros ist im ganzheitlichen Sinn nicht aus dem Absoluten ausgeklammert. Eros ist in der göttlichen Liebe (Agape) inbegriffen. Agape ist nicht vom Eros abhängig, aber Eros von Agape. Eros kann die Agape widerspiegeln – und in dieser Form hat es jeder Mensch schon mal erlebt.“

Aus: Der verratene Himmel, Kapitel 21, S. 257-266 (Gespräche mit Armin Risi).

Nach Platon bedeutet Eros unter anderen: Das „Verlangen aber der Seele nach dem Ewigen und der beglückenden Seinsschau: Das heißt Eros.“

Wie kommt Platon auf diese Aussage? Wir werden sogleich erkennen können, welch Tiefsinn sich wirklich hinter dem Begriff Eros verbirgt. Ideen sind nach Platon statisch – unveränderliches Sein. Aber alles Werden „strebt“ nach dem Sein; es existiert diese unsere Schattenwelt der sichtbaren Dinge nur durch die „Anteilname“ (Methxis) an der Welt der Ideen. Wie ist diese Anteilname zu verstehen? Im „Phaidon“ hieß es: „Jedes sinnlich gleiche trägt ein Verlangen nach dem an sich Gleichen.`“ Setzt man an die Stelle der Metihix (Anteilname), dieser platonsichen Definition folgend, den Begriff des „Strebens“, so finden wir hier das dynamische Element, das wir in der Seinsbestimmung der Ideen vermissten.

Diese dynamische Gabe aber kommt von oben. Es ist die Kraft der „Ideensonne“, der „Idee des Guten“, die der Welt den Drang gibt, vom Werden zum Sein zu streben. Das hingegen heißt: Die Dinge beseelen. Denn nur in der Seele kann Streben im eigentlichen Sinne sein, nur von ihr gilt, dass sie der oberen Welt „oben verwandt“ ist, dass sie dort ihre eigentliche Heimat hat. Das Verlangen aber der Seele nach dem Ewigen und der beglückenden Seinsschau: Das heißt Eros.

Der Eros, die dynamische Liebeskraft, ist geknüpft an die Idee der Schönheit. Sie ist die einzige Idee, die sich im irdischen so unmittelbar manifestieren kann, das die Seele „erschrickt“, wenn sie ein Schönes im Diesseits (hienieden) erblickt. Das Geheimnis im Vollendeten, im Schönen schon in einer unvollendet sichtbaren Welt sichtbar, ist die Kunde des Ewigen im Irdischen. Diese Kunde bringt Eros, der Mittler. Platon geht in der seelischen Deutung der Liebe also noch weit über Sokrates hinaus. Der erweckende Eros durchzieht das ganze Werk Platons.

Zwei Dialoge jedoch, dichterisch die schönsten, sind ihm besonders gewidmet: Das „Symposion“ und der „Phaidros“. Der Phaidros ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon. Wiedergegeben wird ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch von Platons Lehrer Sokrates mit seinem Freund Phaidros, nach dem der Dialog benannt ist.

Alle bei dem Symposion anwesenden Personen haben Eros als einen Gott gepriesen. Aber ein Gott ist vollendet und sich selbst genug. Eros dagegen ist das Sehnen nach Vollendung. Er ist, wie ein kleiner, ad hoc erfundener Mythos es nun dargestellt, der Sohn des Reichtums und der Armut, er trägt beider Eltern Züge. Und das heißt: er ist ein Mittler zwischen zwei Welten, die ihrem Wesen nach sonst nicht vereinbar sind. Die Bedeutung dieses Mittlertums muss man sich ganz klarmachen. Um das Problem, wie Werden und Sein plausibel in Verbindung zu bringen seien, hat nicht nur Platon, sondern haben auch die meisten Vorsokratiker gerungen.

Denn die Bestimmung des Seins als ewig schließt Veränderbarkeit aus, alles Werden aber hat Anfang und Ende und schließt daher des Ewigen aus. Parmenides entschied sich rigoros für die Welt des Seins und wurde deshalb mit der Welt des Werdens nicht fertig, die er für Schein erklärte. Leukepp und Demokrit gingen den umgekehrten Weg, sie wandten sich dem Werden der Materie zu, doch leugneten sie die geistige Existenz der Welt. Der Dualismus Geist-Materie ist eigentlich so alt wie die Philosophie selbst. Bei Platon ist er sehr ausgeprägt. Zwischen der Sichtbaren – materiellen – und der unsichtbaren – geistigen – Welt klafft jener Abgrund, von dem er mehrfach spricht. Aber im Eros fand er die Brücke „Eros erfüllt die Kluft zwischen den Unsterblichen und den Sterblichen, und so ist das Weltall durch ihn zusammengehalten. Das eigentliche Geheimnis der „Wesensschau“ ist mit den Mitteln des Logos nicht darstellbar. Daher auch Platons Scheu vor einer Ideenlehre.

Wer vom Eros spricht, muss die irrationale Kraft der Begeisterung in sich haben, die sich den Vernünftlern als Wahnsinn kundtut. Ihm müssen, im Anblick der Schönheit, die Flügel der Schönheit wachsen, die sie in die ewige Heimat zurücktragen. Das große Gleichnis oder – wie wir hier schon sagen müssen – der Mythos vom geflügelten Seelengespann und seiner Fahrt zur Wesensschau durch die Kraft des erweckenden Eros verrät uns wie nichts anderes die leidenschaftliche Dynamik des Platonischen Denkens, das doch auf das statische und bewegte Sein gerichtet ist. Und diese Dynamik wird von Platon in die Seele selbst gelegt. Dem großen Gleichnis des Phaidros ist ein neuer Beweis der Unsterblichkeit der Seele vorangestellt, den der Phaidon noch nicht kannte: Die Seele ist das sich selbst Bewegende; und alles was sich selbst bewegt, was nicht die Bewegung von außen erhält, ist unsterblich.

Mit dieser Gefolgschaft der Seelen im unsterblichen Reigen der Götter beginnt nun das große mythische Seelengleichnis, das uns den Himmelssturz der Seele ins Reich des Irdischen zeigt und ihren Wiederaufschwung zum Ewigen durch die Kraft des Eros.

Der Reigen der Götter ist nach Homerischem Vorbild dargestellt, und die Vorstellung der göttlichen Gespanne, die das Himmelsgewölbe zur ewigen Schau „hinauffahren“, wird nunmehr auf die Seele übertragen: mit ihren drei Teilen gleicht sie einem geflügelten Gespann; die beiden ungleichen Pferde, von denen das eine, unedle, zur Erde und zur irdischen Krippe drängt, das andere, edle, aber zum Himmel strebt, sind der begehrliche Seelenteil, unser sinnliches Erbe, und der „beherzte“ Seelenteil. Die Zügel über beide führt der Wagenlenker Vernunft, als der göttlichste Teil in uns.

Ziel der Götterfahrt ist die Wesensschau des ewigen Seins. Den irdisch verhafteten Seelen gelingt dieser Durchstoß durch die Schale des Himmels zum „überhimmlischen Ort“ des großen Seins nur mit Mühe; lediglich von Zeit zu Zeit kann sich das Haupt des Wagenlenkers der besten Seelen über die Schale des irdischen Seins erheben in das Reich der wirklichen Wirklichkeit.

Wie im „Symposion“ ist auch in dieser Beschreibung des Transzendierens unserer Erkenntnis bildhaft dargestellt, aber das Bild ist noch dynamischer, weil es uns das angespannte Ringen um diesen Aufstieg zum Ewigen veranschaulicht. Das Seelengleichnis kann in seiner Vielseitigkeit hier nur angedeutet werden. Hier möchte ich kurz auf den „heiligen Wahnsinn“ – wie Platon diesen Prozess nennt – eingehen, der den wahrhaft Liebenden kennzeichnet.

„Wenn einem Menschen, der sich beim Anblick der Schönheit auf dieser Erde im Diesseits (hienieden) der wahren Schönheit erinnert, die Flügel wachsen, wenn er sie breitet und sich sehnt emporzufliegen, kann es aber nicht – wenn er dann nach Art eines Vogels nach oben blickt und kein Auge für die Dinge da unten hat, so gilt er für einen, der in Raserei verfallen ist. Meine Rede dagegen ist, dass diese Art Wahnsinn von allen göttlichen Verzückungen die edelste ist und edelster Herkunft.“

Wie weit ist dieser Rausch der Sehnsucht nach dem Ewigen vom bloßen Sinnenrausch entfernt! Und doch ist es das Mysterium des Eros, dass sich diese ewige Sehnsucht am Sinnlichen entzündet. Wenn der Sucher, dem die „Umkehr“ aus der irdischen Höhle gelang, wie es das Höhlengleichnis schildert, ein Ähnliches erlebt, so ist demnach seine Schau eigentlich bildlos (ein Denken „in Ideen und durch Ideen und zu Ideen hin“, wie das Liniengleichnis erklärt); der Liebende aber schaut unmittelbar bildhaft schon im Irdischen ahnungsweise das Ewige. Nur die Schönheit vermag so zu unseren Sinnen zu sprechen. […]

Dieter Broers

U.a. aus Platon: Logos-Eros-Mythos (Vollmer Verlag, Wiesbaden-Berlin, 1960)

 

 



Kategorien:Bewusstsein

Schlagwörter: , ,

Alle Kommentare werden moderiert und grundsätzlich einmal täglich freigegeben. Wenn du deinen Kommentar nicht sofort siehst, wurde er wahrscheinlich noch nicht geprüft. Wir geben jedoch keine Garantie, dass jeder Kommentar freigegeben wird. Fairness, Respekt und ein freundlicher Umgangston sollten sich für die Kommentatoren von selbst verstehen. Um allen ein übersichtliches Lesen und Verstehen der Kommentare zu ermöglichen, bitte themenbezogen und/oder im Austausch mit anderen Kommentatoren posten. Auch für Kommentare mit allgemeinen Weisheiten, Musikvideos, themenfremden Links o.ä. geben wir keine Garantie auf Freigabe, vor allem bei Wiederholung.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: