Das geheime Treffen, das die Rap Musik veränderte und eine ganze Generation zerstört hat

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Übersetzung: Patrizia

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Unsere Freunde bei Noisey haben gerade ein Interview mit „Freeway“ gemacht, einem Mann, der behauptet, der echte Rick Ross zu sein. Es ist aus vielerlei Gründen interessant zu lesen, aber auch weil es eine anonyme E-Mail anspricht, die Rap-Journalisten und Blogger letztes Jahr erhalten haben, die wir hier zeigen:

Hallo,

Nach mehr als 20 Jahren habe ich mich schließlich entschieden, der Welt mitzuteilen, was ich 1991 erlebt habe und wovon ich glaube, daß es der größte Wendepunkt in der Popmusik war und letztlich auch in der amerikanischen Gesellschaft. Ich habe mir lange schwergetan, die Pro’s und Contra’s abgewägt, diese Geschichte öffentlich zu machen, weil es mir widerstrebte, die Individuen hineinzuziehen, die an diesem Tag anwesend waren. Also habe ich mich entschlossen, Namen wegzulassen und alle Details, die meinem Wohlergehen schaden könnten und dem derer, die, wie ich, in etwas reingezogen wurden, zu dem sie nicht bereit waren.

In den 80er und frühen 90er Jahren war ich so etwas wie ein „Entscheidungsträger“ bei einer der größeren Firmen in der Musikindustrie. Ich kam Anfang der 80er Jahre aus Europa und habe mich ziemlich schnell im Business zurechtgefunden. Die Musikindustrie war damals anders. Da Technologie und Medien damals nicht so zugänglich waren wie sie es heute sind, hatte die Industrie mehr Kontrolle über die Öffentlichkeit und konnte sie so beeinflussen, wie sie wollte. Das könnte erklären, warum ich Anfang 1991 zu einem Treffen hinter verschlossenen Türen eingeladen wurde, zusammen mit einer kleinen Gruppe von Insidern der Musikindustrie, um die neue Richtung der Rapmusik zu diskutieren. Ich hatte ja keine Ahnung, daß wir gebeten wurden, an einem der unethischsten und zerstörerischsten Geschäftspraktiken teilzuhaben, die ich je gesehen habe.

Das Treffen fand statt in einem Privathaus außerhalb von Los Angeles. Ich erinnere mich, daß 25 bis 30 Leute dort waren, hauptsächlich bekannte Gesichter. Als ich mit ihnen sprach, scherzten wir über das Thema des Treffens, weil viele von uns sich nichts aus Rapmusik machten und den Sinn nicht erkannten, eingeladen zu werden um dessen Zukunft zu diskutieren. Unter den Anwesenden war eine kleine Gruppe Unbekannter, die unter sich blieb und keine Anstalten machte, außerhalb ihres Kreises Bekanntschaft zu machen. Aufgrund ihres Verhaltens und ihres förmlichen Erscheinens schienen sie nicht in unserer Branche tätig zu sein. Unser Geplauder wurde unterbrochen als wir gebeten wurden, eine Vertraulichkeitserklärung zu unterschreiben, die uns verbot, die Informationen, die uns später während dieses Treffens gegeben wurden, an die Öffentlichkeit zu bringen. Unnötig zu sagen, daß uns dies neugierig machte und  manch einen von uns sogar störte. Die Vereinbarung war nur eine Seite lang aber sehr klar in ihren Aussagen und Konsequenzen, die besagten, daß eine Verletzung der Bedingungen in der Kündigung des Jobs resultieren würde. Wir fragten verschiedene Leute, worum es ging und nach dem Grund für solch eine Geheimniskrämerei, konnten aber keine Antworten bekommen. Einige haben ihre Unterschrift verweigert und verließen die Zusammenkunft. Niemand hat sie daran gehindert. Ich war nahe dran ihnen zu folgen, aber die Neugier war stärker. Ein Mann, der zu der „unbekannten“ Gruppe gehörte, sammelte die Vereinbarungen ein.

Zu Beginn des Meetings bedankte sich einer meiner Branchenkollegen (der wie alle anderen namenlos bleiben wird) für unser Erscheinen. Er erteilte dann das Wort an einen Mann, der sich selbst nur mit Vornamen vorstellte und kein Wort verlor über seinen persönlichen Hintergrund. Ich denke, es war der Besitzer des Hauses, habe aber dafür keine Bestätigung. Er lobte uns kurz für den Erfolg, den wir in der Branche hatten und gratulierte uns, daß wir ausgewählt wurden zu dieser kleinen Gruppe von „Entscheidungsträgern“. An diesem Punkt begann ich mich leicht unwohl zu fühlen angesichts dieses seltsamen Zusammentreffens. Das Thema änderte sich schnell, als der Sprecher fortfuhr uns zu erzählen, daß die Firmen, die wir repräsentierten, in eine sehr profitable Branche investiert hatten, die noch lohnenswerter werden könnte mit unserem aktiven Dazutun. Er erklärte, daß die Firmen, für die wir arbeiteten, Millionen investiert hatten in den Bau von in Privatbesitz befindlichen Gefängnissen, und daß unser Einfluss in der Musikindustrie tatsächlich Auswirkungen auf die Profitabilität dieser Investitionen haben würde. Ich erinnere mich daran, daß viele unserer Gruppe sich sofort verständnislos anschauten. Zu dieser Zeit wusste ich nicht, was ein Privatgefängnis war, und ich war nicht der einzige. Jemand fragte, was diese Gefängnisse bedeuten würden und was sie mit uns zu tun haben. Es wurde uns mitgeteilt, daß diese Gefängnisse von privaten Firmen gebaut wurden, die eine Finanzierung der Regierung bekamen, die von der Anzahl der Insassen abhing. Je mehr Insassen, desto mehr Geld würde die Regierung diesen Gefängnissen zukommen lassen. Es wurde auch klargemacht, daß wenn diese privaten Gefängnisse öffentlich gehandelt werden, wir die Möglichkeit haben würden, Anteile zu erwerben. Die meisten von uns fühlten sich davon abgestoßen. Wieder fragten einige, was dies mit uns zu tun habe.

Hier hat dann mein Branchenkollege, der das Meeting eröffnet hatte, wieder das Wort ergriffen und unsere Fragen beantwortet. Er erzählte uns, nachdem unsere Chefs stille Teilhaber an diesem Gefängnis-Business waren, es natürlich in ihrem Interesse sei, sicherzustellen, daß diese Gefängnisse immer voll seien. Unser Job sollte sein, zu helfen dies umzusetzen, indem wir Musik vermarkteten, die kriminelles Verhalten fördere, die Wahl fiel auf Rapmusik. Er versicherte uns, daß dies eine großartige Situation für uns sei, weil Rapmusik dabei war, ein zunehmend profitabler Markt für unsere Firmen zu werden, und wir als Angestellte dann auch in der Lage seien, Anteile an diesen Gefängnissen zu kaufen. Sofort wurde es ganz still im Raum. Man hätte eine Nadel fallen hören können. Ich erinnere mich, daß ich mich umgeschaut habe um sicherzustellen, daß ich nicht träumte, und sah, dass der Hälfte der Zuhörer der Mund offenstand. Meine Benommenheit wurde unterbrochen, als plötzlich jemand rief, „Soll das ein verdammter Witz sein?“ An diesem Punkt wurde es chaotisch. Zwei der Männer, die Teil der „unbekannten“ Gruppe waren, schnappten sich diesen Mann, der das gerufen hatte und versuchten, ihn rauszuwerfen. Ein paar von uns, ich eingeschlossen, versuchten dazwischenzugehen. Einer zog eine Waffe und wir wichen alle zurück. Man trennte uns von der Menge und wir vier wurden nach draußen gebracht. Mein Branchenkollege, der das Meeting eröffnet hatte, eilte uns hinterher und erinnerte uns daran, daß wir eine Vereinbarung unterzeichnet hatten und daß wir die Konsequenzen zu tragen hätten, sollten wir diese Sache öffentlich machen oder auch nur untereinander darüber sprechen. Ich fragte ihn, warum er an etwas so Korruptem beteiligt sei und er erwiderte, daß dies etwas Größeres sei als das Musikgeschäft und es nichts sei, das wir herausfordern wollten. Wir protestierten und als er wieder hineinging hörte ich ihn Wort für Wort sagen, „Es liegt nicht mehr in meinen Händen. Denkt daran, daß ihr die Vereinbarung unterzeichnet habt.“ Er schloss dann die Tür hinter sich. Die Männer drängten uns zu unseren Autos und warteten, bis wir weg waren.

Eine Million Dinge gingen mir durch den Kopf während ich wegfuhr, und irgendwann habe ich angehalten um meine Gedanken zu sortieren. Ich bin alles wieder und wieder in Gedanken durchgegangen und es erschien mir sehr surreal. Ich war sauer, weil ich nicht stärker die Dinge, die uns präsentiert wurden, hinterfragt hatte. Ich möchte glauben, daß ich zu geschockt war. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich mich soweit beruhigt, daß ich nach Hause fahren konnte. Ich habe an diesem Abend mit niemandem gesprochen und auch niemanden angerufen. Am nächsten Arbeitstag fühlte ich mich beunruhigt, aber ich schob es aufs Wetter. Aus meiner Abteilung war niemand zu diesem Treffen eingeladen worden, und ich fühlte mich irgendwie schuldig, weil ich dieses Erlebnis mit niemandem teilen konnte. Ich habe daran gedacht, die drei anderen zu kontaktieren, die mit aus dem Haus geworfen wurden, aber ich erinnerte mich nicht mehr an die Namen und ich dachte, sie ausfindig machen zu wollen würde unerwünschte Aufmerksamkeit erregen. Ich habe überlegt, das Risiko einzugehen meinen Job zu verlieren und öffentlich darüber zu sprechen, aber mir wurde bewusst, daß ich mehr als meinen Job verlieren würde, und ich wollte auf keinen Fall riskieren, daß meiner Familie etwas zustieß. Ich musste an die Männer mit den Waffen denken und fragte mich, wer sie wohl sind. Es wurde mir gesagt, daß dies größer sei als das Musikgeschäft und ich konnte nur meiner Phantasie freien Lauf lassen. Es gab keine Antworten und niemanden, den ich fragen konnte. Ich habe versucht, etwas über private Gefängnisse in Erfahrung zu bringen, konnte aber keine Beteiligung der Musikindustrie finden. Allerdings bestätigte mir die Information, die ich fand, wie gefährlich das Gefängnisgeschäft tatsächlich ist. Tage, Wochen, Monate vergingen und irgendwann hatte ich den Eindruck, daß dieses Meeting nie stattgefunden hatte. Es erschien mir alles surreal. Ich zog mich zurück und ging nicht mehr zu Branchenevents, wenn es meine beruflichen Pflichten nicht erforderten. Bei zwei solcher Gelegenheiten traf ich meinen früheren Kollegen. Beide Male haben wir uns nur angeschaut, es gab keinen weiteren Austausch.

Monate später merkte ich, daß Rapmusik definitiv seine Richtung geändert hatte. Ich war nie ein Fan davon, aber selbst ich merkte den Unterschied. Die Rapstücke, die von Politik oder Spaß handelten, verschwanden ziemlich schnell und Gangster-Rap dominierte die Radiostationen. Es waren nur ein paar Monate seit diesem Meeting vergangen, aber ich hatte den Verdacht, daß die an diesem Tag vorgestellten Ideen erfolgreich umgesetzt worden waren. Es war, als ob alle Chefs der größeren Labels diesen Auftrag erhalten hatten. Die Musik eroberte die Charts und die meisten Firmen waren überglücklich, davon zu profitieren. Jede einzelne erstellte ihre ganz eigenen Gangster Rap-Stücke wie am Fließband. Alle haben mitgemacht, auch die Konsumenten. Gewalt und Drogenkonsum wurden ein zentrales Thema in der Rap-Musik. Ich sprach mit einigen Leuten in der Branche, um ihre Meinung zu dem neuen Trend zu hören, bekam aber wiederholt zu hören, daß es nur um Angebot und Nachfrage ging. Traurigerweise haben viele zum Ausdruck gebracht, daß die Musik ihr Vorurteil Minderheiten gegenüber bekräftigen würde.

Offiziell habe ich das Musikgeschäft 1993 verlassen, aber mein Herz war schon Monate vorher nicht mehr dabei. Ich habe die Kontakte zu Kollegen abgebrochen, und habe mich von dem, was ich mal geliebt hatte, zurückgezogen. Ich nahm mir eine Auszeit, kehrte für ein paar Jahre nach Europa zurück, und lebte ein „ruhiges“ Leben fernab der Unterhaltungswelt. Über die Jahre habe ich das Geheimnis für mich behalten, aus Angst es mit den falschen Leuten zu teilen, aber auch verschämt darüber, daß ich nicht den Mumm hatte, ein Whistleblower zu sein. Aber als der Rap noch schlechter wurde, wurde mein Schuldgefühl stärker. Glücklicherweise gab es Ende der 90er Jahre das Internet, was es seinerzeit noch nicht gab, was es mir dann erleichterte, darüber nachzuforschen was man heute Gefängnis-Industrie nennt. Nachdem ich ein größeres Verständnis darüber hatte, wie private Gefängnisse operieren, machten die Dinge für mich viel mehr Sinn. Ich sehe, wie die Kriminalisierung von Rap-Musik eine große Rolle darin spielt, rassistische Stereotypen zu fördern und so viele leicht zu beeinflussende, junge Geister dahin zu bringen, kriminelles Verhalten zu verherrlichen, was oftmals dazu führte, daß sie hinter Gittern landeten. Zwanzig Jahre an Schuld sind schwer zu tragen, aber das Mindeste, was ich jetzt tun kann ist, meine Geschichte zu teilen, in der Hoffnung, daß Fans von Rap-Musik erkennen mögen, wie sie in den letzten 20 Jahren missbraucht wurden. Obwohl ich vorhabe, aus ersichtlichen Gründen anonym zu bleiben, ist mein Ziel, diese Information an so viele Menschen wie möglich zu bringen. Helft mit, dies zu verbreiten. Vielleicht fühlen sich andere, die auch an diesem Treffen 1991 teilgenommen haben, davon inspiriert und erzählen ihre eigenen Geschichten. Was am wichtigsten ist, wenn nur ein Leben von dieser Geschichte berührt wird, macht es das Gewicht meiner Schuld ein wenig erträglicher.

Danke.



Kategorien:Hinter den Kulissen der Macht, Wahrheit auf der Spur

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